Warum dieser Schicksalsschlag mein größtes Geschenk war

Foto und Feder

Heute vor 10 Jahren war ich fest davon überzeugt, innerlich „fertig“ zu sein: Reif genug, weise genug und gewappnet für das Leben. Doch manchmal hat das Leben andere Pläne und es passieren Dinge, die einem zeigen, dass diese Überzeugung eine Illusion ist. Bei mir war es der Tod meines Vaters.

Ich war wirklich gut darin, Menschen zu bewerten und in Schubladen zu stecken. Alle Probleme kamen gleich dazu. Und die Schlüssel zu diesen Schubladen wurden weit weggeschmissen. Mit meinem Vater habe ich es genauso gemacht. Das ist zwar ein einfacher Weg, jedoch habe ich dadurch die Verbindung zu ihm völlig verloren. Jahrelang war das okay für mich, doch als mein Vater starb, sprang mir plötzlich alles aus den Schubladen entgegen und hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Nach anfänglicher Schockstarre hat mir dieser Schicksalsschlag gezeigt, dass es sich lohnt, sich mit den Menschen auseinander zu setzen, anstatt sie sofort zu bewerten und in Schubladen zu stecken.

Neue Blickwinkel lernen

Es gibt viele Arten von Sucht, mit denen die Menschen in ihre eigene Welt flüchten oder die sie antriggern. Bei meinem Vater war es der Alkohol. Viele Süchte haben häufig eines gemeinsam: Am Anfang pushen sie dich und am Ende zerstören sie dich. Als Angehöriger ist das nicht leicht mit anzusehen oder im Nachhinein seinen Frieden damit zu schließen. Und doch sind es gerade diese schwierigen Situationen im Leben, die dich wachsen und reifen lassen.

So hat mein Vater es schließlich doch noch geschafft, meinen Blick zu öffnen: Für mich selbst, meine Umwelt, Mitmenschen und meine Sicht auf die Welt. Ich habe alles aus den Tiefen hervorgeholt, angeschaut, umgedreht und auf den Kopf gestellt. Es hat mir geholfen, meinen Horizont zu erweitern und mit Liebe statt mit Hass auf die Situationen und Menschen zu schauen.

Rückblickend betrachte ich es mittlerweile als großes Geschenk, dass mein Vater mein Vater war und er meinen Weg geprägt hat: Im Positiven, durch seine Abenteuerlust und seinen Mut. Im Negativen durch seinen Weg den er gegangen ist: Denn so möchte ich niemals leben. Heute erkenne ich, dass er einen guten Job gemacht hat und mir durch seine Verhaltensweisen all meine eigenen Lernthemen wunderbar gespiegelt hat.

Trotz Todestag – Geschenke fürs Leben

Wäre ich nicht durch all diese schwierigen Prozesse gegangen, würden mich heute Ereignisse viel leichter aus der Bahn werfen. Ich hätte niemals so viel innere Stärke, so viel Vertrauen in das Leben und die Bereitschaft zu wachsen. Ich würde nicht täglich an mir und meinem Weg arbeiten und liebevoll mit mir selbst und meinem Körper umgehen. Ich hätte nicht soviel Liebe und Mitgefühl für meine Mitmenschen übrig und würde weiterhin sofort bewerten und in Schubladen stecken. Ich wäre nicht so demütig dem Leben gegenüber und könnte schlechter Nein sagen. Und ich würde mehr durchplanen und nicht so sehr im Moment leben.

 

Sei präsent und schule dein Bewusstsein.
Das Hier und Jetzt ist ist der einzige Ort,
an dem Frieden herrscht.

 

In der letzten Phase meines Vaters habe ich ihn wieder als kleines verletztes Kind gesehen, das plötzlich nicht mehr die Marschrichtung vorgab. Mir ist klar geworden, wie hart ich manchmal zu ihm und zu mir selbst war. Doch der Umgang mit ihm in dieser Phase hat mich weicher gemacht und mein Herz geöffnet.

Und so blicke ich heute am Todestag zurück auf 10 wunderbar heilsame Jahre. Aus einer kleinen unsicheren Raupe ist ein wunderschöner, bunter Schmetterling geworden, der von innen heraus strahlt. Meinem Groll ist Dankbarkeit gewichen. Und all diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wertvoll das Leben ist und dass es sich lohnt, sich seinen Herausforderungen zu stellen. Denn Leichtigkeit kann nur dann entstehen, wenn man auch schwere Zeiten kennt. Danke Papa.

Foto: Stefanie Adam

 

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Todestag, @Stefanie Adam, www.feineseele.de

 

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6 comments

  1. So jetzt habe ich mich auf Deinem Blog festgelesen… Mein Vater ist 2018 gestorben, ebenfalls an jahrelanger Alkoholsucht. In meinem ganzen Leben war er nur 10 Jahre trocken. Es waren teils sehr schlimme Zeiten dabei durch die Sucht, aber er war/ist ein guter Mensch. Ich bin dankbar das es meinen Vater gibt/gab. Der Tod existiert nicht. Als ich das letzte Mal mit ihm telefoniert hatte wusste ich irgendwie das es das letzte Mal lebend sein wird und er womöglich bald auf die andere Seite geht, weil ein gewisser Punkt überschritten wurde. Das war einen Monat vor Weihnachten 2017. Ich habe ihm gesagt das ich ihn liebe, das er jederzeit wieder zu mir kommen kann wenn er endlich aufhört zu trinken, aber das es dieses Weihnachten wirklich nicht mehr geht und auch danach nicht, solange der Alkohol bleibt. Die vielen Jahre davor waren zermürbend und ich hatte 2016/2017 selbst mit einem schweren Burnout zu kämpfen bzw. besser gesagt es zu bearbeiten. Im April 2018 ist er gestorben, im Mai habe ich ihn auf einem Waldfriedhof beerdigt. Es ist richtig wie es ist, es hat alles seinen Sinn, seinen Lerninhalt und auch wenn mir gerade die Tränen kommen ist auch das richtig…

    Liebe Grüße
    Marco

    1. Lieber Marco, ich danke dir für deine Offenheit und das Teilen deiner Gedanken. Ich fühle deinen Schmerz, der sich zwar mit der Zeit verändert, die Wehmut ab und an bleibt aber. Und das ist auch gut so, denn so bleiben unsere Liebsten in unserem Geist lebendig. Wenn du magst, hör dir meine Podcastfolge zum Thema Schmerz an – und die 2 Arten, wie man damit umgehen kann: https://www.feineseele.de/05-im-schmerz-liegt-ein-grosses-geschenk/

      Falls sie dich nicht interessiert, einfach ignorieren. Viele Grüsse von Herz zu Herz, Steffi

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